Am Anfang war der Ziegel

200 Jahre steter Wandel: Einst als Ziegelhersteller gegründet, positioniert sich die Wienerberger AG heute als Anbieter innovativer Systemlösungen rund um die gesamte Gebäudehülle und Infrastruktur. Bei seinem Besuch des Weltmarktführers lernt Portfolio-Manager Franz Führer mehr über Ziegel mit eingebautem Dämmstoff, künstliche Intelligenz in Rohren und die Wiederverwendung von Oberflächenwasser.

Von Ina Lockhart

Ein bisschen Mineralwolle an der richtigen Stelle kann aus einem gewöhnlichen Mauerziegel in ein paar Arbeitsschritten ein Produkt der Zukunft machen. Wie das geht, zeigt die Teamarbeit von drei Robotern im Ziegelwerk der Wienerberger Gruppe in Haiding. Dort, auf halber Strecke zwischen Wien und München, steht das jüngste und modernste Ziegelwerk in Österreich. In den zwei Produktionshallen trifft Tradition auf Automatisierung: In der einen werden die Ziegel aus einem Strang Tonmasse gepresst und im Ofen gebrannt. In der anderen stopfen drei Roboter die Ziegel mit Mineralwolle aus. Der erste legt die Ziegel aufs Band, der zweite positioniert die Mineralwollpads, die der dritte Roboter dann im letzten Arbeitsschritt greift und in die Löcher der Ziegel versenkt.

Drei Robotor stopfen die Ziegel mit Mineralwolle aus und erstellen so den Porotherm-Ziegel.

Der Porotherm-Ziegel mit integriertem Dämmmaterial ist eines der Premiumprodukte des Traditionsunternehmens. Er verkürzt nicht nur die Arbeitszeit auf der Baustelle, sondern spart auch Wohnraumfläche. Denn die Extra-Dämmschicht entfällt. Ein enormer Wettbewerbsvorteil in Zeiten knappen Wohnraums. Zudem eröffnet der dämmstoffgefüllte Ziegel der Wienerberger Gruppe ein neues Marktsegment. Denn er hebelt die bestehende Faustregel aus, dass man mit Ziegeln nur maximal fünf Geschosse hoch bauen kann. Sonst sei die statische Sicherheit eines Gebäudes nicht mehr gegeben. „Wenn wir unsere dämmstoffgefüllten Produkte für den Objektbau verwenden und die Gebäudekonstruktion auf Ziegel optimiert ist, sind theoretisch bei guter Zusammenarbeit in der Planung bis zu neun Geschosse möglich“, erklärt Heimo Scheuch, Vorstandsvorsitzender der Wienerberger AG, im Gespräch mit Franz Führer. Der Portfolio-Manager ist bereits seit 2001 im Small & Mid Cap-Team von Lupus alpha tätig, seit 2019 ist er Partner des unabhängigen Asset Managers. In Wienerberger hat Lupus alpha erstmals im Jahr 2002 investiert. Die Aktie ist in ausgewählten europäischen Mandaten, die der Asset Manager verwaltet, vertreten.

Scheuch ist seit 2009 Vorstandschef der Wienerberger Gruppe, kam aber bereits 1996 ins Unternehmen. Seine Strategie: „Weg vom Ziegel, hin zu mehr Umsatz durch Systemlösungen für immer spezieller werdende Marktanforderungen, wie zum Beispiel Wandsysteme für Außenwände mit optimierter Energieeffizienz. Gleiches gilt für die Märkte für Sanierung und Infrastruktur.“ Scheuch will mit gezielten Zukäufen und smarten Produkten zum Lösungsanbieter werden, der im direkten Austausch mit Endanwendern wie Handwerkern und Architekten steht. „Wir stellen zum Beispiel Rohre her, die mit moderner Sensortechnik ausgestattet sind, um Datenmanagement wie die Überwachung der Wasserqualität zu ermöglichen“, sagt der CEO, der im strahlend blauen Feincordanzug mit rosa Hemd – ohne Krawatte – zum Gespräch mit Portfolio-Manager Führer erschienen ist. „Genauso können wir in der Ziegelwand Sensoren integrieren, um die Luftraumqualität, aber auch die Temperatur zu überwachen. Nicht nur Wärme spielt dabei eine Rolle, sondern immer stärker auch die Kühlung.“

Werner Staudinger, Leiter des Wienerberger Werks in Haiding, erläutert Franz Führer, wie der Ton für die Ziegel angemischt wird.

Der dämmstoffgefüllte Ziegel ist ein Baustein dieser Zukunftsstrategie. Ein weiterer sind Rohre mit integrierter Elektroinstallation. Oder Bausatzsysteme, mit denen ganze Häuserwände mit Fensteraussparungen aus massivem Ziegelstein binnen kurzer Zeit auf der Baustelle dank eines Trockenklebeverfahrens zu einem zweistöckigen Einfamilienhaus zusammengesetzt werden. Nach einem digitalen Bauplan, den zuvor ein Architekt entworfen hat. Portfolio-Manager Führer ist fasziniert von dieser Kombination aus solidem Bauhandwerk und zeitsparender Umsetzung: „Diese Art von Automatisierung zeigt, wie der Wiener Konzern effiziente Prozesse auf die Baustelle überträgt. Montagezeiten werden stark verkürzt und der Bedarf an Fachkräften reduziert.“ Auf diese Weise setzt Wienerberger bei den Bauunternehmen Kapazitäten frei und sorgt dafür, dass die nächste Baustelle als potenzieller Umsatzbringer schneller eröffnet.

Wenn Scheuch von Zukäufen spricht, denkt er beispielsweise an die 2019 erfolgte Übernahme des britischen Unternehmens Building Product Design Group (BPD), das auf Zubehör für Dachlösungen und Gebäudehüllen spezialisiert ist. Ein weiterer Schritt weg vom Ziegel. Der erste Schritt hin zu neuen Produkten wurde 1989 gemacht. Mit der Konzerntochter Pipelife, die intelligente Kunststoffrohrlösungen anbietet. Mittlerweile gehört der Rohrspezialist komplett zu Wienerberger. Gestartet ist Pipelife 1989 als Joint Venture von Wienerberger mit Solvay. Mit dem patentierten, unterirdischen Boxensystem von Pipelife fängt etwa der Flughafen Warschau-Modlin sein Oberflächenwasser auf, um es zu speichern und wiederzuverwenden.

„Weg vom Ziegel, hin zu mehr Umsatz durch Systemlösungen, wie zum Beispiel Wandsysteme für Außenwände mit optimierter Energieeffizienz.“

Seit der Gründung vor 200 Jahren durch den findigen mährischen Bauingenieur Alois Miesbach auf dem Wienerberg nahe Wien hat sich das Unternehmen immer wieder gewandelt. Miesbach, der als Begleiter eines Fürsten auf Gesandtschaftsreisen in Madrid und Rom die Technik der antiken gebrannten Bausteine genauer kennenlernt, reagiert damals auf den enormen Baubedarf in Wien und kauft 1819 eine Ziegelei. Er steigt sehr früh um von Holz – was damals sehr knapp ist – auf Kohle. Ein Brennstoff, der Kosten spart und die Qualität der Ziegel durch besseres Durchbrennen steigert. Auch das Produktsortiment erweitert er: Ab 1845 stellt sein Betrieb Wasser- und Drainageröhren her. Fünf Jahre später errichtet Miesbach eine Terrakottafabrik, deren Produkte noch im heutigen Wien an zahlreichen historischen Gebäuden zu bewundern sind.

Gerade erst Anfang 2020 ist Wienerberger zu seinem ursprünglichen Ort zurückgekehrt und hat seine neue Zentrale in einem neunstöckigen Hochhaus mit Ziegelfassade bezogen – direkt neben der ehemaligen Tongrube, die einst Miesbach für die erste Ziegelproduktion nutzte. Heute ist davon nichts mehr zu sehen: Die Grube ist jetzt ein Naherholungsgebiet mit See und Bäumen.

Vorstandsvorsitzender Heimo Scheuch im Gespräch mit Franz Führer.

Werner Staudinger und Franz Führer in der Tongrube. Mit den Riesenbaggern wird der Ton aus der Grube gewonnen.

Ornamente aus Wienerberger Ziegeln an der Universität für angewandte Kunst Wien.

Seit 1869, also seit über 150 Jahren, ist der Wiener Konzern bereits an der Börse notiert. Seit 2005 beträgt der Streubesitz 100 %. Mit 57 % befinden sich über die Hälfte der Aktien in den Händen angelsächsischer Investoren (31 % USA, 26 % Großbritannien). Namhafte institutionelle Investoren wie BlackRock, Norges Bank – Verwalter des norwegischen Staatsfonds – und der TIAA-Pensionsfonds, der die Altersruhegelder amerikanischer Lehrer und Akademiker managt, gehören zum Anlegerkreis. 2019 hat die Aktie um 46 % an Wert gewonnen.

„In den vergangenen zehn Jahren hat Wienerberger einen gewaltigen Wandel erlebt. Wir mussten lernen, wie wir unser Geschäft weiterentwickeln, und gleichzeitig darauf achten, was der Kunde braucht“, sagt Scheuch, der gern betont, dass sein neues Büro nicht größer als jedes andere Mitarbeiterbüro sei. Er ist Chief Operating Officer, als der Konzern die harte Lektion der Finanzkrise lernen muss. Die Baukonjunktur bricht ein. 2009 beginnt die Zeit einer Restrukturierung, die das Unternehmen 2011 wieder zurück in die Gewinnzone bringt. „Teilweise schrumpfte das Auftragsvolumen für Neubauten um 80 %. Von den 13 laufenden Werken in Österreich blieben nur noch drei übrig. 75 Standorte haben wir damals weltweit geschlossen, 3.000 Mitarbeiter entlassen“, erinnert sich der Betriebswirt und promovierte Jurist.

„Heute, in der aktuellen Corona-Krise, haben wir die richtigen Ressourcen und Fähigkeiten, um gestärkt aus dieser Situation hervorzugehen. Wir haben intelligente, digitale Lösungen, produzieren lokal und reagieren rasch und flexibel auf das jeweilige Umfeld“, so Heimo Scheuch. Durch die starke lokale Präsenz hat das Unternehmen in kürzester Zeit ein umfassendes Maßnahmenprogramm zur Bewältigung der Auswirkungen aufgelegt. Starker Fokus liegt dabei auf Cash-Generierung, Kostenoptimierung, flexiblen Kapazitätsanpassungen und Verschiebung nicht notwendiger Investitionen. Aktuell beschäftigt Wienerberger rund 17.000 Mitarbeiter an 201 Produktionsstandorten in 30 Ländern.

Gleichzeitig wird aber weiterhin an Lösungen für europaweite Herausforderungen gearbeitet, denn diese bleiben auch nach der Corona-Krise bestehen. So schreitet zum Beispiel die Automatisierung der Produktionsprozesse voran. Zum einen angetrieben von dem Mangel an Fachkräften, zum anderen aus Kostengründen. „Die steigenden Personalkosten in Osteuropa sind eine unserer größten Herausforderungen“, sagt Investor Relations-Leiterin Anna Maria Grausgruber. „Pro Jahr haben wir dort eine Kosteninflation von 5 bis 8 %.

Facts zu Wienerberger

per 31.12.2019

Nettoumsatz: 3,5 Mrd. Euro
Nettoergebnis: 249,1 Mio. Euro
EBIT-Marge: 10,5 %
Anzahl Mitarbeiter: >17.000 in 30 Ländern
Marktkapitalisierung (per 29.05.2020):  2,074 Mrd. Euro
Aktionärsstruktur: 100 % Streubesitz

Grausgruber ist seit Januar 2020 Ansprechpartnerin für die Investoren von Wienerberger. Die studierte Betriebswirtin kam 2017 ins Unternehmen und hat die weltweite Umsetzung des 2018 gestarteten Effizienzsteigerungsprogramms „Fast Forward 2020“ verantwortlich begleitet. Aus dieser Zeit kennt sie noch etliche Beispiele für Verbesserungspotenzial. „2018/19 haben wir erstmals Rohre angeboten, in die bereits eine Elektroinstallation eingebaut ist. Bei den Dachziegeln haben wir die Qualitätssicherung automatisiert. Jetzt klopft ein Roboter jeden einzelnen Ziegel ab und vergleicht dessen Klang mit dem programmierten.“

„Ein Roboter klopft jeden einzelnen Ziegel ab und vergleicht dessen Klang mit dem programmierten.“

Investor Relations-Leiterin Anna Maria Grausgruber zeigt Portfolio-Manager Franz Führer von Lupus alpha, wo im heutigen Wien Ziegel von Wienerberger an historischen Gebäuden zu finden sind.

Im Sumpfhaus warten die fertigen Tonmassen auf ihren Produktionsgang durch die Presse in den Ofen.

Zwischen den Werken in Ost- und Westeuropa herrsche immer noch ein Gefälle beim Automatisierungsgrad, sagt Grausgruber. „Allein, um die knapp 200 Werke weltweit gut zu warten, fallen jedes Jahr Investitionen von 120 bis 140 Millionen Euro an.“ Das Tonvorkommen der aktuellen Grube im Vorzeigewerk Haiding sichert laut Werksleiter Werner Staudinger noch für die nächsten Jahrzehnte die Produktion. Die Nähe eines Ziegelwerks zu Rohstoffen ist ein wesentlicher Faktor in diesem Geschäft. Weite Transportwege sind ein Kostenfaktor, der vermieden wird.

Bei aller margensteigernden Produktverfeinerung am Ende des Herstellungsprozesses bleibt immer noch wichtig, dass die Ziegel selbst von guter Qualität sind. „Ton ist der Rohstoff – doch auch der ist je nach Werksstandort unterschiedlich“, erklärt Staudinger. Riesenbagger, sogenannte Scraper, holen den Ton direkt aus der Tongrube, die an die Produktionshallen angrenzt. Bevor er verarbeitet wird, muss er erst einmal ein Jahr auf der Halde liegen, um sich zu entspannen. „Der Ton hat eine Spannung in sich“, erklärt Staudinger. „Würden wir ihn sofort verarbeiten, käme es zu Ziegelbruch.“

„Der Tonmischung wird 10 % Fremdton zugesetzt, der mit seinem höheren Feinkornanteil für mehr Druckfestigkeit sorgt. Weitere Zusätze sind Porisierungsstoffe“, erklärt Staudinger. Je nach Ziegel fällt die Mischung anders aus, die ein Computer vorgibt. Die fertigen Tonmassen warten dann im „Sumpfhaus“ auf ihren Produktionsgang durch Strangpresse, Trockner und Ofen, um sich dann in der nächsten Halle ihr dämmendes Innenleben bei den drei Robotern abzuholen.

Damit die Kosten niedrig bleiben, arbeiten in den beiden Produktionshallen nur zwei Mitarbeiter pro Schicht. Ein Drei-Schicht-Modell für sieben Tage die Woche sorgt dafür, dass die Anlage nie stillsteht. Der 930 Grad heiße Ofen muss rund um die Uhr laufen. Portfolio-Manager Führer staunt über die wenigen Mitarbeiter in den beiden Produktionshallen: „Ganz schön wenig Personal vor Ort, ganz schön schlank.“ Die Effizienz fängt also nicht erst auf der Baustelle an.

Auf das Vertrauen kommt es an

Wienerberger ist ein Traditionsunternehmen, das sich stetig weiterentwickelt und immer wieder neu erfunden hat. Wir begleiten das Unternehmen schon sehr lange als Investor und haben diese Entwicklung miterlebt und mitgetragen.

Auf eine solche langjährige, partnerschaftliche Beziehung kommt es an, um als Investor Vertrauen in ein Unternehmen zu haben und auch dabeizubleiben, wenn es mal schwierig wird – wie jetzt in der Corona-Krise. In der aktuellen Situation ist die wirtschaftliche Lage für die meisten Branchen und Unternehmen schlecht und es wird vermutlich noch schlechter werden, bevor es wieder aufwärts geht.

Dies ist die Zeit des Stockpicking! In Rekordgeschwindigkeit gab es eine Verschiebung der Perspektive: weg von Wachstumsaussichten, hin zur aktuellen und zur nächstjährigen GuV. Aber nicht nur die Qualität der Bilanz sehen wir uns in Krisenzeiten wie diesen genau an, sondern auch die Qualität des Managements. Wir haben beispielsweise großes Vertrauen in das Management von Wienerberger, da Heimo Scheuch und sein Team bereits die bedrohliche Krise 2008/2009 erfolgreich gemeistert haben.

Dieses über viele Jahre gewachsene Vertrauen zu den handelnden Personen eines Unternehmens ist es, auf das wir auch unter großer realwirtschaftlicher Unsicherheit bauen können, um richtige Anlageentscheidungen zu treffen.

DR. GÖTZ ALBERT
VORSTAND UND CIO VON LUPUS ALPHA

Inhalt Ausgabe 006