„Museen werden zusätzlich ganz woanders stattfinden“

Seit einem Jahr lebt Max Hollein mitten im kulturellen Epizentrum San Francisco. Angespornt von der kreativen Energie des Silicon Valley will der Museumsdirektor der Fine Arts Museums of San Francisco an seine erfolgreiche Tätigkeit in Frankfurt am Main anknüpfen und neue Wege in der Kunstvermittlung gehen.

Mit Max Hollein sprach Ina Lockhart. Fotos: Fine Arts Museums of San Francisco

leitwolf: Herr Hollein, Sie sind seit Sommer 2016 an Ihrer neuen Wirkungsstätte in San Francisco als Direktor der beiden Fine Arts Museums. Was ist dort anders?

Max Hollein: Die Museumsdichte ist in den USA deutlich geringer als in Europa. Daher kommt den einzelnen Institutionen hier eine wesentlich größere Bedeutung zu. Die Fine Arts Museums, die ich leite, sind zusammen mit dem Los Angeles County Museum of Art nicht nur in San Francisco, sondern an der gesamten Westküste der größte Museumskomplex. Auch spielen andere Kultureinflüsse eine große Rolle. Der asiatisch-pazifische Kulturkreis ist deutlich zu spüren – im täglichen Leben, aber natürlich auch in den Museen.

leitwolf: Zu den Fine Arts Museums gehören das de Young Museum und das Legion of Honor Museum. Wofür stehen diese beiden Häuser in ihrer Unterschiedlichkeit?

Max Hollein: Das 1924 fertiggestellte Legion of Honor baut auf dem Modell eines eurozentrischen Museums auf. Es ist sozusagen eine klassische Gemäldegalerie mit neoklassizistischer Architektur. Das de Young wurde bereits 1895 eröffnet und nutzte als Gebäude einen ehemaligen Pavillon der Weltausstellung. Die Sammlung ist eklektisch und umfasst bedeutende Schwerpunkte afrikanischer, ozeanischer und amerikanischer Kunst und Kultur. In Zukunft soll das Legion of Honor einen Fokus auf die alten Meister legen sowie Positionen aus dem 19. Jahrhundert und der Moderne zeigen. Dagegen wird das de Young stärker multikulturell sein und auch thematisch mehr experimentieren.

leitwolf: Haben Sie dringende Baustellen vorgefunden?

Max Hollein: Die Fine Arts Museums hatten in den letzten Jahren keine klare Führungsstruktur, das spürt man, und auch das Board of Trustees will nun klares Leadership in Bezug auf Programm und Management. Das Unternehmenssponsoring ist zum Beispiel nahezu nicht entwickelt. Dies liegt vor allem daran, dass die beiden Häuser bislang vor allem durch Mäzene gefördert wurden. In den vergangenen Jahren haben beide Museen rote Zahlen geschrieben. Wir sind dabei, das Budget zu konsolidieren – einerseits durch verbesserte Kostenkontrolle, andererseits durch verstärktes Fundraising. Noch wichtiger aber ist es, den Häusern eine neue Ambition in Bezug auf das Programm und die Sammlungsentwicklung zu geben. Aufgaben, die ich aus meinen 15 Jahren in Frankfurt am Main gut kenne. Doch geht es hier um eine Größenordnung, die mit 700 Mitarbeitern, 1,5 Millionen Besuchern im Jahr und einem 100.000 Mitglieder großen Freundeskreis ungefähr doppelt so groß ist.

leitwolf: Wie stellen Sie die Unabhängigkeit Ihrer Institution sicher, wenn Sie die Zusammenarbeit mit Förderern intensivieren wollen?

Max Hollein: Jeder Förderer nimmt Einfluss – egal ob er das will oder nicht. Was er unterstützt, wirkt sich in irgendeiner Form auf das Museum aus. Eine der wesentlichen Aufgaben des Museumsmanagements ist es, so viele Einflüsse wie möglich zu generieren, und zwar so, dass alle gemeinsam eine ganzheitliche Form der Förderung ergeben.

leitwolf: Sie sind für Ihre klaren Zielvorstellungen, Ihren Tatendrang und Ihre rasante Umsetzungsgeschwindigkeit bekannt. Was haben Sie in den ersten Monaten Ihrer Tätigkeit hier im de Young und im Legion of Honor bewegt?

Max Hollein: Eine große Weichenstellung, die ich gleich am Anfang vorgenommen habe, zielt darauf ab, das Programm und damit die Identitäten beider Häuser zu stärken. In den vergangenen zehn Jahren haben sich das de Young und das Legion of Honor darauf beschränkt, Ausstellungen und Sammlungen, die andernorts kuratorisch entwickelt wurden, zu übernehmen und an der Westküste zu präsentieren. Das habe ich beendet. Seit letztem Jahr arbeiten mein Team und ich an 35 großen Ausstellungsprojekten, die wir in den nächsten fünf Jahren zeigen wollen und die eine sehr eigene Handschrift tragen sollen. Eines davon wird eine Ausstellung mit dem Titel „The Fashion of Islam“ sein. Dabei greife ich aber ausschließlich auf die 25 Kuratoren hier im Haus zurück und bringe mich selbst mit meiner Erfahrung und meinem Netzwerk ein.

leitwolf: Was fasziniert Sie an Ihrem neuen Arbeits- und Lebensumfeld besonders?

Max Hollein: Ich arbeite hier natürlich in einem Umfeld, das sehr energiegeladen ist. Ich spüre bei den Menschen den Drang, alte Systeme auf den Kopf zu stellen und damit den Prozess der „disruption“ voranzutreiben. Ich habe mit Menschen zu tun, die 25 oder 30 Jahre alt sind und bereits zwei Unternehmen aufgebaut und wiederverkauft haben. Sie sind daran interessiert, eine andere Richtung einzuschlagen und dabei vielleicht mit einem Museum zu kooperieren.

leitwolf: Bereits in Europa gehörten Sie zu den Pionieren, was die digitale Vermittlung von Museumsinhalten angeht. Wie befruchtet die Nähe zum Silicon Valley Ihre digitalen Projekte?

Max Hollein: Ich bin hier ganz nah dran, wenn neue Dinge entstehen, die weltweit große Veränderungen auslösen könnten. So wie die eher noch unbekannte Social-Media-Plattform VSCO. Das ist eine Plattform mit 30 Millionen Usern, die den Austausch von qualitativ anspruchsvoller Fotografie ermöglicht und somit eine komplett andere Ausrichtung als Instagram hat. Solche Neuentwicklungen werden einen ganz wesentlichen Einfluss darauf haben, wie wir als Kuratoren Ausstellungsthemen vorbereiten oder auch vorab kommunizieren können. Ich empfinde es als äußerst spannende Aufgabe, solche potenziellen Berührungspunkte zu erkennen und daraus für die Museen intelligent neue Möglichkeiten zu eröffnen.

„Das Museum ist mittlerweile einer der wenigen Orte, an denen sich Menschen ohne Polemik über grundsätzliche Fragen austauschen können.“

leitwolf: Woran arbeiten Sie und Ihr Team da genau?

Max Hollein: Wir sind an konkreten Projekten dran, die aber noch nicht spruchreif sind. Adobe ist dabei nur ein Partner von vielen anderen Tech-Firmen. Im Fokus stehen zwei große Themen: Zum einen geht es um digitale Vermittlung, bei der wir gewisse Standards setzen wollen und unter anderem mit der Stanford University zusammenarbeiten. Zum anderen geht es um neue Möglichkeiten, wie wir Objekte und Inhalte jenseits eines Museumsbesuchs vor Ort erlebbar machen können. An dieser Stelle kommen Social Media, Virtual Reality und künstliche Intelligenz ins Spiel.

leitwolf: Wir leben in einer Welt, die globaler, virtueller geworden ist und in der alles möglich scheint – im positiven und negativen Sinne. Welchen Stellenwert hat da noch die Kompetenz eines Kurators?

Max Hollein: Unsere gesamte Konsumwelt stellt darauf ab, dass – obwohl oder gerade weil alle Informationen für uns verfügbar sind – jemand für uns eine Auswahl zusammenstellt, also Inhalte kuratiert. Danach dürsten wir. Da ist nicht nur der Experte gefragt, sondern derjenige, dem es gelingt, verschiedenen visuellen Erlebnissen einen Kontext, eine Einordnung zu geben. Nicht ohne Grund arbeitet eine Reihe von Kunsthistorikern heute in der Tech-Industrie und nicht mehr im Museum.

leitwolf: Virtual-Reality-Brillen, das Google Cultural Institute und clever programmierte Apps lassen uns Kunstwerke sehen, ohne dass wir jemals an dem Ort waren, wo sie im Museum ausgestellt sind. Welche Daseinsberechtigung haben Museen dann überhaupt noch?

Max Hollein: Museen werden zusätzlich ganz woanders stattfinden – unabhängig von ihrem Gebäude. Bildung und Vermittlung sind hier die spannenden Themen. Gleichzeitig werden Menschen weiterhin den realen Ort besuchen, weil das Museum mittlerweile einer der wenigen Orte ist, an denen sich Menschen ohne Polemik über grundsätzliche Fragen, die uns alle beschäftigen, austauschen können. Nicht nur über ihre sehr persönlichen Empfindungen, sondern auch über komplexe gesellschaftliche oder politische Themen oder Phänomene.

leitwolf: Herr Hollein, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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Max Hollein ist wieder in dem Land, in dem seine Museumskarriere 1996 begann. Seit Juni 2016 führt der 47-jährige Österreicher die Fine Arts Museums of San Francisco. Zuvor war der Kunsthistoriker und Betriebswirt in Frankfurt am Main Direktor dreier Häuser: der Schirn Kunsthalle, des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung. Neue Ausstellungsformate, der spektakuläre Erweiterungsbau des Städels und eine innovative Zusammenarbeit mit Förderern machten seine 15 Jahre am Main zum großen Erfolg.

Neue Dimensionen der Kunstvermittlung

Neue Technologien machen Kunst zu einer Quelle, die Menschen mit ihren Geräten neu für sich erschließen können. Was Museumsbesucher angesichts der Vielzahl der Exponate als Konkurrieren um Aufmerksamkeit erleben, können Smartphone und Tablet zu einer Ausschließlichkeitswahrnehmung werden lassen, indem sich der virtuelle Betrachter nur ein Werk anschaut. Die Digitalisierung – angetrieben von kunstfremden Unternehmen wie Google mit seinem eigenen, bislang nicht gewinnorientierten „Google Cultural Institute“ – verstärkt die Demokratisierung von Kunst. Das direkte Kunsterlebnis wird vom Ort entkoppelt, ohne diesen obsolet werden zu lassen. Mit Google Cardboard – eine Kartonbox, in die das Smartphone passt und die man sich vor die Augen schnallt – gehen etwa Schulkinder auf Entdeckungsreise, ohne ihren Klassenraum zu verlassen. Intelligent digitalisierte Museumssammlungen im Internet laden den virtuellen Besucher zum Rundgang ein und offenbaren ihm dank hochauflösender Aufnahmen bislang verborgene Details. So wie es Marc Chagalls Sohn passiert ist, der sich plötzlich als Baby im Deckengemälde seines Vaters in der Opéra de Paris entdeckte. Eine komplett andere Wahrnehmungsebene entsteht. Dem Erleben von Kultur wird eine Dimension hinzugefügt, die die beteiligten Institutionen und Unternehmen auch für neue Formen von Partnerschaften und für innovative Geschäftsmodelle nutzen können.

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